Nigerias Ölindustrie - Sorgenkind für den neuen Präsidenten – DW – 07.06.2023 (2024)

In Nigeria sorgt der neue Präsident Bola Ahmed Tinubu schon bei Amtsantritt fürProteste und sogar einen Ansturm auf die Zapfsäulen des Landes: Er kündigte direkt das Aus für Treibstoffsubventionen an, die den Preis für Erdölprodukte über Jahre niedrig gehalten haben.

Viele Nigerianer machen sich verstärkt Sorgen über ihr Auskommen, obwohl das Land mit seinen 220 Millionen Einwohnern ein wirtschaftliches Schwergewicht in der Region ist. Allein der Bundesstaat Lagos rund um die gleichnamige Wirtschaftsmetropole am Golf von Guinea hat eine größere Wirtschaftsleistung als Kenia. Nigeria insgesamt erwirtschaftet ein größeres Bruttoinlandsprodukt (BIP) als alle anderen Staaten Westafrikas zusammen.

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Steigende Armut und soziale Unruhen

Angetrieben wird die Wirtschaftsmaschinerie Nigerias durch Erdöl, das in riesigen Lagerstätten im Niger-Delta vorkommt. Doch trotz des Reichtums geht es der Wirtschaft schlecht: So liegt das Wirtschaftswachstum niedriger als das Bevölkerungswachstum - Experten warnen vor steigender Armut und sozialen Unruhen.

Die Gründe für den Abwärtstrend liegen auf der Hand: Die Ölproduktion ist auf einen historischen Tiefstand gesunken. Dem nigerianischen Wirtschaftsexperten Afolabi Olowookere zufolge fiel der Anteil des Ölsektors an den Staatseinnahmen von knapp 47 Prozent 2017 auf nur noch magere 7,4 Prozent im ersten Halbjahr 2022 ab, sagte er der Zeitung "The Guardian Nigeria News".

Nigeria ist es nicht gelungen, von dem weltweiten Ölpreisboom 2022 zu profitieren. Auch der Anteil des Ölsektors am BIP Nigerias hat sich seit 2010 von mehr als 13 Prozent auf knapp sechs Prozent praktisch halbiert.

Kernproblem: Teure Ölimporte

Das Kernproblem Nigerias besteht darin, dass das Land, obwohl es der größte Öl- und Gasproduzent Afrikas ist, zur Deckung seines Benzinbedarfs fast vollständig auf teure Importe angewiesen ist. Nigeria verfügt über vier staatliche Raffinerien, aber sie sind durch Misswirtschaft marode geworden und stehen still. Um die sozialen Folgen abzufedern, steckten die Regierungen vor Tinubu Jahr für Jahr Milliarden Dollar in Treibstoffsubventionen.

Der Politik fehle eine Strategie, klagte Muazu Magaji, Experte für Erdölvorkommen in Lagos, vor der Wahl im Frühjahr: "Es ist eine Tatsache, dass die Regierung selbst keine Vision für die Energiesicherheit entwickelt hat." Jetzt versucht Präsident Tinubu nach Amtsübernahme von Muhammadu Buhari einen neuen Kurs zu fahren. Für den Erfolg ist es laut Energiewirtschaftler Adero Okudo von Bedeutung, dass Tinubu die Unterstützung aller mächtigen Interessensgruppen im Erdölsektor gewinnt und effektiv mit ihnen kommuniziert, sagt er im DW-Interview.

KostspieligeTreibstoffsubventionen

Denn das Dilemma ist groß:DerStaatshaushalt gerät immer stärker unter Druck.So stand ebenfalls vor der Wahl eine Berechnungim Raum, nach der Nigeria in diesem Jahr 4,2 Billionen Naira (rund 8,5 Milliarden Euro oder 9,1 Milliarden US-Dollar) benötigen würde, um den Bedarf an Kraftstoffsubventionen in diesem Jahr zu decken.

Die seit Jahren immer weiter steigenden Kosten für die Treibstoffsubventionen führten während der Pandemie dazu, dass Nigeria überhaupt nur durch einen Notkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) zahlungsfähig gehalten werden konnte.

Mit den Finanzspritzen der Weltbank sind seit 2020 gut fünf Milliarden US-Dollar nach Nigeria geflossen, um die größte Volkswirtschaft Afrikas vor dem Kollaps zu bewahren.

Devisenreserven schrumpfen

Aber die Probleme kommen mit Ansage: Bereits 2018 hatte der IWF an Nigeria appelliert, seine steigende Verschuldung einzudämmen und die Wirtschaft zu diversifizieren, um eine Krise zu vermeiden. Geholfen hat es wenig. Das wird beim Blick auf den Ölsektor mehr als deutlich. Die Tagesförderung von 1,8 Millionen Barrel pro Tag vor der Pandemie ist mittlerweile auf rund eine Million Barrel eingebrochen. Inzwischen hat zudem der Ölpreis wieder nachgelassen - nach dem Rekordwert von rund 130 US-Dollar pro Barrel vom Frühjahr 2022liegt er derzeit bei rund 80 Dollar.

Auch bei den Devisenreserven ist das Land in gefährlichem Fahrwasser unterwegs: Mit jedem Jahr schmelzen sie weiter zusammen. Wird die Grenze von 30 Milliarden US-Dollar unterschritten, so warnen internationale Finanzexperten, droht eine Abwertung der Landeswährung Naira.

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Die aktuelle Länderstudie der Weltbank lässt keinen Zweifel daran, wie ernst die Lage ist. "Nigeria befindet sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation, die sich weiter verschlechtert", schrieben die Weltbank-Experten in der im vergangenen Dezember erschienenen Studie "Nigeria's Choice".

Korruption schwächt Wirtschaft

Allerdings sind die Wahlmöglichkeiten bei sinkenden Steuereinnahmen, steigenden Kosten für Treibstoffsubventionen, kombiniert mit dem neuerlichen Rückgang der Ölpreise bei einer sinkenden Ölförderung, eher begrenzt. Dazu kommt eine Inflationsrate von mehr als 20 Prozent.

Wie stark Korruption das Wirtschaftsgeschehen dominiert, zeigt der Blick auf das Ranking von Transparency International. Dort rangierte Nigeria im Jahr 2021 auf Platz 154 von 180 untersuchten Ländern, eine deutliche Verschlechterung von Position 144 im Jahr 2018.

Ein großer Teil des Öl- und Treibstoffmangels geht auf Diebstahl zurück. Regierungsmitglieder wie Finanzministerin Zainab Ahmed erklären ganz offiziell einen Teil der Benzin- und Diesel-Engpässe mit dem grassierendem Treibstoffdiebstahl. Dazu kommen, so der Minister, noch Sabotage-Aktionen an den Pipelines im Niger-Delta.

Hoffnung auf neue Mega-Raffinerie

Vor den Toren von Lagos entstanddie riesige Dangote-Raffinerie, Hoffnungsträger für die Regierung. Sie ist Ende Mai offiziell eingeweiht worden. Bauherr und Namensgeber ist der Multimilliardär Aliko Dangote, der als reichster Mann Afrikas gilt.

Mitder Investition aus dem Privatsektor hofft man, eine Alternative zu den staatlichen Raffinerien zu schaffen, sagte Magaji. Die kombinierte Kapazität der vier bestehenden Raffinerien liegt bei 450.000 Barrel pro Tag, bei der Dangote-Raffinerie dagegen sollen es 650.000 Barrel pro Tag sein.

Doch neuer Schwung für den Ölsektor alleine wird nicht reichen - zumal die fossile Industrie die Klimakrise direkt befeuert und deshalb weltweit heruntergefahren werden muss: Schon lange fordern Experten, dass sich Nigeria aus der Abhängigkeit vom Öl lösen muss. "Die Politik der Diversifizierung wird leider schon seit vier oder fünf Jahrzehnten diskutiert. Wir haben von großen Revolutionen gesprochen, wollten den Bergbausektor fördern und die Landwirtschaft zu einem wichtigen Zweig ausbauen, aber es ist uns nicht gelungen", sagte Magaji zur DW.

Nun hat die neue Regierung unter Präsident Bola Ahmed Tinubudie Chance, die lange geforderte Diversifizierung endlich voranzutreiben.

Dieser Artikel wurde erstmals am 15. Februar 2023 veröffentlicht und nach dem Amtsantritt von Präsident Bola Ahmed Tinubu aktualisiert.

As an expert on global economics and political affairs, particularly focusing on African economies, I am well-versed in the intricacies of the challenges facing Nigeria, as evidenced by the provided article. My understanding is built on a foundation of comprehensive knowledge and continuous monitoring of geopolitical events, economic trends, and policy decisions.

The article discusses the impact of the new Nigerian President, Bola Ahmed Tinubu, on the country's economy, particularly his decision to end fuel subsidies, leading to protests and concerns about the cost of living among the population. Here's a breakdown of the key concepts mentioned in the article:

  1. Bola Ahmed Tinubu's Presidency:

    • Bola Ahmed Tinubu, the new president of Nigeria, has initiated policy changes, notably ending fuel subsidies, which has triggered protests and economic concerns.
  2. Nigeria's Economic Importance:

    • Nigeria, with a population of 220 million, is an economic heavyweight in West Africa, boasting a larger GDP than all other West African states combined.
    • Lagos, the economic hub, surpasses Kenya in economic output.
  3. Oil Dependency and Economic Challenges:

    • Nigeria's economy heavily relies on oil, particularly from the Niger Delta. However, the economy faces challenges, including lower economic growth than population growth, raising concerns about increasing poverty and social unrest.
    • The share of the oil sector in state revenues has significantly declined, posing economic challenges.
  4. Fuel Import Dependency:

    • Nigeria, despite being the largest oil and gas producer in Africa, relies extensively on expensive fuel imports due to the mismanagement and inefficiency of its state-owned refineries.
  5. Tinubu's Policy Shift and Challenges:

    • President Tinubu aims to address economic challenges by ending fuel subsidies, but this move is met with resistance.
    • The government faces financial pressure to sustain costly fuel subsidies, leading to discussions about the need for significant funds.
  6. International Financial Support:

    • Nigeria has received financial support from the International Monetary Fund (IMF) and the World Bank to manage economic challenges, including fuel subsidy costs.
  7. Oil Sector Decline:

    • Nigeria has not benefited from the global oil price boom in 2022. The oil sector's contribution to the GDP has halved since 2010.
  8. Diversification Challenges:

    • Nigeria's challenge lies in its dependence on oil, with calls for diversification to mitigate economic risks. The lack of progress in diversification is attributed to a historical failure to develop a vision for energy security.
  9. Corruption and Economic Impact:

    • Corruption, as reflected in Transparency International's rankings, hampers economic progress in Nigeria.
  10. Infrastructure Development:

    • The Dangote-Raffinerie, a private-sector project led by Aliko Dangote, aims to provide an alternative to state-owned refineries and increase refining capacity.
  11. Global Challenges and Climate Crisis:

    • The article emphasizes the need for Nigeria to move away from oil dependency, considering global efforts to address the climate crisis.

In summary, the economic challenges faced by Nigeria, including oil dependency, corruption, and the need for diversification, require strategic policy decisions and effective communication with key stakeholders to ensure sustainable economic growth.

Nigerias Ölindustrie - Sorgenkind für den neuen Präsidenten – DW – 07.06.2023 (2024)
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Author: Corie Satterfield

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